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Geschichte der Sozialen Dienste in der Justiz

Vom Bezirksgericht zum Landgericht zum Oberlandesgericht

Die Justizsozialdienste (Bewährungs- und Gerichtshilfe) im Freistaat Thüringen

Als am 1. Juli 1991 ein Bewährungshelfer aus Hessen an das Justizministerium des Freistaats Thüringen abgeordnet wurde, um hier die Bewährungs- und Gerichtshilfe aufzubauen und einzurichten, merkte er sehr schnell, dass gute Fachlichkeit und Erfahrung im Beruf weniger gefragt waren als die Fähigkeit zu improvisieren einhergehend mit Geduld und Überzeugungskraft. Der Beruf des Bewährungs- und Gerichtshelfers war unbekannt. Auf Erfahrungen aus der Zeit vor 1945 konnte nicht zurückgegriffen werden, denn die Berufsbezeichnung und berufliche Tätigkeit des Bewährungs- und Gerichtshelfers ist erst in den 1950er und 1970er Jahren in der Bundesrepublik eingeführt worden. Auch konnte der thüringer „Ur-Bewährungshelfer“ zwecks Gewinnung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keine diplomierten Sozialarbeiter/Sozialpädagogen ansprechen, da es diesen Studiengang in der DDR nicht gegeben hat. Dafür gab es eine Vielzahl pädagogischer und sozialer Berufe, die ihm fremd waren. Er kam als vermeintlich Wissender nach Erfurt und wurde zunächst ein Lernender.

Die äußeren Arbeitsbedingungen haben in jenen Tagen die Einrichtung einer Bewährungs- und Gerichtshilfe in Thüringen gleichfalls nicht begünstigt. So teilte der hessische Helfer sich das Zimmer mit zwei Referenten. Er selbst saß am „Katzentisch“. Um zu telefonieren benutzte er den Apparat der beiden Kollegen, wenn er ihn sich erkämpft hatte. Indes: Justizsozialdienst muss sein, denn Strafgesetzbuch, Jugendgerichtsgesetz und Strafprozessordnung sehen vor, dass es Bewährungshelfer/innen und Gerichtshelfer/innen gibt.

So machte sich der thüringer Ur-Bewährungshelfer ans Werk. Es galt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die neuen Aufgaben zu interessieren und zu gewinnen. Im Justizhaushalt waren die benötigten Planstellen zur Geltung zu bringen. Eine Arbeitsstruktur war zu entwickeln. Die räumlichen und organisatorischen Voraussetzungen mussten entstehen.

Zwei Monate später, zum 01.09.1991, konnten die ersten zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Aufgaben Bewährungs-/Gerichtshilfe eingestellt werden. Diese zehn Mitarbeiter/innen hatten Berufsabschlüsse als Fürsorgerin überwiegend aus dem gesundheitlichen Bereich, als Ingenieur-Pädagogen, Lehrmeister und Diplom-Pädagogen. Ihnen war gemeinsam, dass sie sich mit Freude ihrer neuen beruflichen Aufgaben stellten, sich sehr belastbar zeigten, widrige Arbeitsbedingungen in Kauf nahmen und ein sehr hohes Maß an Lernbereitschaft mitbrachten. Diese zehn Mitarbeiter/innen verteilten sich auf die damaligen Bezirksgerichte Erfurt mit 4 Mitarbeiter/innen, Gera mit 3 Mitarbeiter/innen und Meiningen mit 3 Mitarbeiter/innen.

In der Einarbeitungszeit haben vor allem berufserfahrene Bewährungs- und Gerichtshelfer aus Hessen ihr Wissen, ihre berufliche Erfahrung und die für die neue Arbeit bestimmenden Arbeitsweisen an die neuen Kolleginnen und Kollegen weitergegeben. Neben dieser Wissensvermittlung vor Ort erhielten die neu eingestellten Mitarbeiter/innen eine mehrwöchige Hospitation in Beratungsstellen der Bewährungs- und Gerichtshilfe in Hessen.

Hilfreich war das Engagement der Deutschen Bewährungshilfe (DBH), damals noch mit Sitz in Bonn. Die DBH legte auf Beschluss der Justizministerkonferenz vom Sommer 1991 ein Fortbildungsprogramm für in den neuen Bundesländern neu eingestellte Bewährungs- und Gerichtshelfer auf. Hieran nahmen auch die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Thüringen teil. Allerdings ergab sich alsbald, dass dieses Programm nicht zur zunächst vorgesehenen Qualifizierung als Diplom-Sozialarbeiter/Diplom-Sozialpädagogen führte. Aus diesem Grunde entschloss sich das Ministerium im April 1992, an diesem Fortbildungsprogramm nicht festzuhalten und eigene Qualifizierungsmaßnahmen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzurichten.

Die 1991 als Gründungsteam eingestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brachten sehr viel Geduld auf. Sie war notwendig angesichts recht unzureichender Arbeitsbedingungen. So fehlten Stühle, Telefonapparate waren rar. In kleinen Büroräumen musste gemeinsam gearbeitet werden. Der soeben bezogene Büroraum musste gleich wieder geräumt werden, weil Richter oder Staatsanwälte ihn benötigten. Aber diese Aufbauphase entwickelte auch ein Gemeinschaftsgefühl und eine Kameradschaft, welche die Arbeitsleistung geradezu beflügelte. Diese Stammmitarbeiterschaft, zu der auch noch die in 1993 eingestellten Bewährungs- und gerichtshelfer/innen zählen, kann mit berechtigtem Stolz in Anspruch nehmen, durch gemeinsames Tun die justizielle Sozialarbeit in Thüringen geschaffen zu haben. Der Nachfolger des ersten Aufbauhelfers im Ministerium, welcher im März 1992 in einer Dienstbesprechung erstmals die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennenlernte, hatte damals den bleibenden Eindruck gewonnen, dass die Inhalte der Arbeit zur Umsetzung vorhandenen und erworbenen Wissens und die Gewissheit, eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, allein bestimmend waren.

In den folgenden Jahren stieg - leider nicht analog der Belastung - die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontinuierlich an. Sie beträgt im September 2000 61 in der Gerichts- und Bewährungshilfe tätigen Damen und Herren. Heute hat jeder Mitarbeiter/in ein eigenes Büro. Telefon, Telefax, Anrufbeantworter sind selbstverständlich und auch die Ausstattung mit Computern ist weitgehend abgeschlossen. Ein wichtiger organisatorischer Schritt ist mit der Verwaltungsvorschrift vom 23.09.1999 über die Grundsätze der Sozialen Dienste in der Justiz getan worden. Dort sind zur Verbesserung ihrer fachlichen Arbeit die Bewährungs- und die Gerichtshilfe der bisherigen Zuständigkeit der Landgerichte herausgenommen und einheitlich in die Kompetenz des Thüringer Oberlandesgerichts gestellt worden. Dort wurde innerhalb der Verwaltungsabteilung des Oberlandesgerichts eine eigene Abteilung für die Justizsozialdienste geschaffen. Durch diese Neuorganisation war es auch möglich, eine durchgängige Betreuung der Probanden zu ermöglichen. Das heißt, die Aufgaben der Bewährungs- und Gerichtshilfe werden jeweils von einem Justizsozialarbeiter wahrgenommen, sofern dem nicht pädagogische Gründe zwingend entgegenstehen. Bewährungs- und Gerichtshilfe haben zwar in der Regel unterschiedliche Auftraggeber und arbeiten auf unterschiedlicher gesetzlicher Grundlage, aber es sind die gleichen Menschen mit ihren Problemen, Sorgen, Nöten, Schwierigkeiten. Eine Trennung der Person des Betreuers, Helfers ist für den Betroffenen oft nicht nachvollziehbar und erschwert statt fördert gute Sozialarbeit. Die Trennung von Bewährungshelfer/innen und Gerichtshelfer/innen hatte und hat, wo sie noch vorhanden ist, historische Gründe, war aber nie sachlich begründet.

Diese organisatorische sinnvolle Änderung bedarf dringend zu ihrem Gelingen weiterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine Belastungszahl von 75 Probanden je Bewährungshelfer/innen ist bei weiterer bürotechnischer Ausstattung und Schaffung von Serviceeinheiten gerade noch vertretbar, nicht aber eine Belastungszahl von 85 bis 90 und mehr Probanden.“

Bild: Soziale Dienste in der Justiz
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